FDP Emsland-Süd

Pressemitteilungen vom 05.10.2015:

Ein Rendezvous mit der Geschichte

Lingener Tagespost - Lokales

Lingen. Menschenmassen im Glückstaumel, Trabbi-Staus in Westdeutschland und ein leichter Anflug von Sorge: Die Wiedervereinigung hat sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt wie kaum ein anderes Ereignis. Nun feiert Deutschland 25 Jahre Einheit. Auch das Lingener Rathaus hatte am Samstag zum Festakt geladen, denn die Stadt bemühte sich schon um Freundschaft, da stand die Einheit noch in den Sternen.
Allerdings war die Reaktion der DDR-Regierung damals eindeutig. Als die Stadt Lingen anfragte, ob sie eine Städtepartnerschaft mit Marienberg aufbauen dürfte, wurde das rundweg abgelehnt. „Doch das war erst der Anfang“, sagte Stadtarchivar Mirko Crabus in seinem kurzen Vortrag über die Ausstellung zum Thema Wiedervereinigung, die zurzeit im Neuen Rathaus gezeigt wird. Die Kirchengemeinden hielten den Kontakt aufrecht, und nach der Wende konnte die Freundschaft schließlich offiziell besiegelt werden.

„Wir wollten das Trennende so schnell wie möglich überwinden“, berichtete Oberbürgermeister Dieter Krone, der die Wende als Lehramtsreferendar in Lüneburg nah an der Grenze zur ehemaligen DDR verbrachte. Besonders präsent sind ihm nach all den Jahren die Trabbis, die Stoßstange an Stoßstange die Grenze nach Westdeutschland passierten. Was viele Ostdeutsche antrieb, waren die Neugierde und der Wunsch, einen Blick auf ehemals verbotene Früchte zu werfen. Geprägt waren diese ersten Monate von einer Willkommenskultur, wie sie derzeit wieder herrscht. Und doch: Die Mauern im Kopf erwiesen sich als robuster als die Mauer aus Stacheldraht und Steinen.

„Ich denke manchmal, dass es vielleicht besser gewesen wäre, wenn der ostdeutsche Staat zusammengebrochen wäre“, sagte Constantin Hoffmann, Journalist des Mitteldeutschen Rundfunks und Festredner im Lingener Rathaus. Er selbst war in den 1980er-Jahren aus der DDR geflohen. Nun lebt er wieder in Leipzig. Wie sehr ihn die Ereignisse in den Jahren 1989/1990 noch heute ergreifen, war ihm am Samstag anzumerken. „Für die Wiedervereinigung gab es kein Vorbild, und sie ist geglückt“, sagte er. Und doch sind seine Worte weit entfernt von Schönfärberei und Nostalgie.

Denn Ostdeutschland macht zurzeit auch Sorgen. Sorgen, da die Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen dort größer zu sein scheinen als in Westdeutschland. „Es gibt auch eine Willkommenskultur in Ostdeutschland“, betonte der Leipziger Journalist. Doch die Ressentiments gegen Flüchtlinge ließen sich auch nicht verleugnen.

Denn in den geteilten
Jahren haben Ost- und Westdeutsche ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht.
So gab es in der DDR kaum Einwanderer. Auch der Kontakt zu sowjetischen Soldaten wurde stets unterbunden. In Westdeutschland dagegen kamen schon früh Gastarbeiter aus aller Herren Länder, und die amerikanischen Soldaten gingen in Jeans und T-Shirt in die gleichen Diskotheken wie die Deutschen.

Zudem war zu DDR-Zeiten alles Deutsche verpönt. Nach der Wende war das plötzlich anders. „Das gab manchen Ostdeutschen Halt in Zeiten großen Umschwungs“, sagte Hoffmann – und der Umschwung brachte für viele Unsicherheit. Noch heute ist die Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland höher und die Gehälter niedriger. Den Sorgen dieser Menschen scheine keiner so recht zuzuhören. Rechtsextremistische Gruppierungen nutzten diese Schieflage, um Mitglieder zu werben. „Das alles rechtfertigt weder Gewalt noch Rassismus“, unterstrich der Journalist.

Musikalisch umrahmt wurde die Feierstunde vom Heimatchor Marienberg.
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