FDP Emsland-Süd

Pressemitteilungen vom 16.06.2010:

Als Scheel das Nacktbaden erlaubte

Neue Osnabrücker Zeitung - Einblicke
Von Klaus Jongebloed - Osnabrück. Es muss Ende der 1940er-Jahre gewesen sein. Walter Scheel war damals junger Stadtrat in seiner Heimatstadt Solingen. Und es war - betrachtet man die gesamte grandiose politische Karriere, die diesen Sohn eines Stellmachers schließlich 1974 bis ins höchste Amt des Staates führte - wohl eher eine amüsante Episode. Doch keineswegs eine Petitesse.
Denn die Entscheidung, im städtischen Schwimmbad zumindest hin und wieder das Nacktbaden zu ermöglichen, ließ ahnen, was dem Liberalenstets heilig bleiben sollte: Die persönliche Freiheit schätzte er über alles - allen gesellschaftlichen Vorurteilen, aller Political Correctness, politischen Moden und Trends zum Trotz. Michael Engelhard, langjähriger Wegbegleiter und Redenschreiber des späteren Bundespräsidenten: „Scheel hatte nie eine Theorie der Freiheit. Aber er ist ein innerlich freier Mensch, ein Anti-Ideologe. “ Selbst liberale Ideologien hätten ihm widerstrebt, erzählt Engelhard unserer Zeitung. „Scheel wollte immer offen bleiben für jeden gescheiten Gedanken. Liberalismus war für ihn wie saubere Luft zum Atmen.“
So einer also wurde am 15. Mai 1974 in der Bonner Beethovenhalle zum - bis heute jüngsten - vierten Bundespräsidenten der Bundesrepublik bereits im ersten Wahlgang gewählt. Sein Gegner damals hieß Richard von Weizsäcker. Er sollte einige Jahre später seine Chance erhalten. Schon kurz nach seiner Wahl erklärte Scheel, er wolle „Bundespräsident für alle Bürger dieses Staates“ sein. Für ihn war das ein leichtes Unterfangen. Seineherzerwärmende Liebenswürdigkeit hatte ihn längst zu einem der populärsten Politiker der Deutschen gemacht. Dazu beigetragen hat wohl eine Begebenheit im Herbst 1973. Damals war Scheel noch Außenminister der sozialliberalen Koalition unter Sozialdemokrat Willy Brandt als Kanzler. Scheel traf sich seinerzeit mit dem Düsseldorfer Männergesangverein, um das Volkslied „Hoch auf dem gelben Wagen“ zu singen. Kurze Zeit später war der Liberale als Staatsoberhaupt zu Gast bei Quizmaster Hans Rosenthal - und schmetterte in der Sendung „Dalli-Dalli“ aus voller Kehle eben jenes Lied. Der singende Präsident war geboren. Scheel erreichte, was keinem seiner Zunft je gelang: Mit mehr als 300 000 verkauften Platten wurde der Politiker mit Gold und Platin geehrt. Vor allem: Die Einnahmen kamen sozialen Zwecken zugute, unter anderem profitierte die „Aktion Sorgenkind“ davon.
Doch der „gelbe Wagen“ war auch ein Fluch für Scheel. Das Posthorn übertönt immer noch völlig zu Unrecht die historische Rolle, die dieser Politiker nicht nur als Bundespräsident für Deutschland gespielt hat. Engelhard: „Wann immer von ihm die Rede ist, wird er auf den ,gelben Wagen? reduziert. Was angesichts einer großartigen politischen Lebensleistung ein erstaunlich kurzes historisches Gedächtnis verrät.“ Der 73 Jahre alte Redenschreiber rückt die Dinge zurecht: „Konrad Adenauer, Willy Brandt und Walter Scheel: Das waren die drei großen Politiker unseres Landes. Danach kommt erst einmal eine ganze Weile nichts.“ Der Liberale habe „die Reifeprüfung dieser Republik ermöglicht“.
In der Tat hätte der atmosphärische Bruch mit der Wahl Scheels zum Bundespräsidenten größer kaum sein können: Auf den puritanischen Moralmenschen Gustav Heinemann folgte ein Mann, der seine Frohnatur nicht verbarg. Scheel hatte Spaß an der Mode, Freude an exklusiven Sportarten wie Golf. „Der Frack wird ihm keine Zwangsjacke sein“, schrieb damals der Leitartikler unserer Zeitung.
Wer aber verstehen will, dass Scheel kein leichtgewichtiges Staatsoberhaupt war, kommt nicht umhin, die wechselvollen Jahre deutscher Geschichte nach Kriegsende zu begreifen. Scheel selbst gibt eine Antwort. Auf die Frage, welche Leistung ihn noch heute mit großer Zufriedenheit erfülle, sagt er unserer Zeitung, er habe ja schon vor der Zeit als Bundespräsident „bedeutende Ämter“ innegehabt. Scheel: „Die Ostverträge wären dabei an erster Stelle zu nennen. Aber wenn Sie mich nach dem Bundespräsidentenamt fragen, dann fällt mir meine Rede zum Tode von Hanns-Martin Schleyer ein, auch die Rede zum 8. Mai oder zum 17. Juni.“
In diesem Satz ist alles enthalten: Scheel darf sich - zusammen mit Willy Brandt und Egon Bahr - als Wegbereiter der deutschen Einheit begreifen. Doch Scheels Anteil gerade am Zustandekommen des Moskauer Vertrags inklusive Berlin-Klausel kann wohl nicht hoch genug eingeordnet werden. Engelhard: „Was hier initiiert wurde, war Weltpolitik großen Stils. Die Erfolge Lech Walesas in Polen, der Zusammenbruch des Kommunismus, die Freiheit und Unabhängigkeit der osteuropäischen und südosteuropäischen Staaten, der Mauerfall,die Wiedervereinigung Deutschlands, all das wäre nicht möglich gewesen ohne die sozialliberale Ostpolitik, ohne Walter Scheel.“
Der Solinger, der am 8. Juli 91 Jahre alt wird,, hat als Bundespräsident noch eine weitere, für Deutschland unermessliche Leistung vollbracht: Während der schlimmsten Monate bundesdeutscher Geschichte, als im „Deutschen Herbst“ der RAF-Terror durch Mord und Gewalt die Gesellschaft zu zersplittern drohte, hat er mit seinen Reden und Auftritten zur Versöhnung beigetragen. In seiner Ansprache beim Staatsakt für den von Terroristen ermordeten Arbeitgeberführer Hanns-Martin Schleyer sagte er im Oktober 1977 Mutiges und Unerhörtes: „Im Namen aller deutschen Bürger bitte ich Sie, die Angehörigen von Hanns-Martin Schleyer, um Vergebung.“
Daran beteiligt war Engelhard, der nicht nur Erlebnisse mit Osnabrück verbindet, sondern der auch jene Rede formuliert hat, die Bundespräsident Richard von Weizsäcker weltberühmt machte. Doch das ist eine andere Geschichte.
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